Vier Wochen nach dem Geldbetrug – wie geht es uns?

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Heute vor vier Wochen haben wir erfahren, dass ein Schachkumpel meinem Mann 30 Jahre lang eine Freundschaft vorgespielt hat. Dieser Mensch hat uns um unser gesamtes Erspartes gebracht. Wir müssen auf unserem Konto wieder mit Null anfangen.

Der Schmerz wird kleiner, aber er bleibt. Gerne berichten wir dir auf meinem Blogazin von unseren Gefühlen und Gedanken. Um Menschen Mut zu machen, die ähnliches erlebt haben. Um Personen zu warnen, die von Finanzberaterinnen oder Finanzberatern merkwürdige Angebote erhalten. Um zu zeigen, dass das Leben immer weitergeht. Dass nach Wolken am Himmel auch wieder die Sonne scheint.

Du hast noch nicht von unserem Betrugstrauma erfahren? Hier gelangst du zum Artikel.

„Ihr seht glücklich aus. Wie kann das sein, nach diesem Betrug?“

Diese Frage schickt mir eine Kontaktperson auf Facebook. Als Antwort auf meine neueste Story. Die unsere Familie bei einem Ausflug zeigt. Lachende Gesichter.

„Weil Geld nicht alles ist. Wir haben uns. Und wir sind gesund.“ Antworte ich ihm zurück. Aber ist es wirklich so einfach? Nein. Leider nicht.

Family fun an der Wurster Nordseeküste

Fotografin: Sandra Köster

Als wir am 07. Februar 2024 das Schreiben der Finanzfirma in der Hand halten, welches offenbart, dass der „Freund“ zahlreiche Menschen übelst um ihr Erspartes gebracht hat, steht die Welt kurz still.

Meine ersten Gedanken: „Nein, nicht er. Niemals er! Niemals dieser Mensch, der so lustig zu unseren Kindern war. Der Verständnis hatte. Der zugehört hat. Der immer da war, wenn man reden wollte. Nicht dieser Typ Frauenversteher und Schwiegermamas Liebling. Doch nicht er.“

Doch. Er. Genau er. Die ersten Tage nach diesem Schreiben fühle ich mich oft wie gelähmt. So gerne möchte ihn fragen, warum er uns das angetan hat. Aber er lebt nicht mehr.

Ein Schachkumpel geht gedanklich sogar noch einen Schritt weiter: „Elischeba, vielleicht hat er sogar seinen Tod vorgetäuscht und sich mit dem Geld in der Sonne abgesetzt.“

Puh, diesen Gedanken muss ich sacken lassen. Ich wollte nie Teil eines Krimis sein. Und einen Totenschein fälschen? Anderseits hätte ich auch nie geahnt, dass er sämtliche Papiere, Verträge und sogar eine Lebensversicherung fälscht.

Wieso er auf unseren Namen eine Lebensversicherung (zum Schein) abgeschlossen hat, das habe ich euch hier geschrieben.

Manchmal bin ich auch sauer auf Pierre. Mir gehen sämtliche Gespräche von uns in den Sinn.

„Ich möchte nicht unser gesamtes Erspartes auf sein Konto überweisen.“

„Elischeba, entweder wir vertrauen Michael (Name geändert) oder wir vertrauen ihm nicht. Und wenn wir ihm vertrauen, dann können wir doch von den Zinsen profitieren. Das haben wir uns verdient, nachdem wir durch seinen empfohlenen Medienfond 12.000 Euro von 15.000 Euro verloren haben. Also praktisch fast alles.“

Elischeba Wilde

Fotograf: Carsten Seehafer

Allerdings ist es nicht fair, auf meinen Mann sauer zu sein. Er ist selbst nicht der Betrüger, sondern auch ein Opfer. Okay, er war etwas zu gutgläubig. Aber mein Mann hat mich immer unterstützt.

Im Jahr 2014 wurde ich von einem Fotografen vor Gericht gebracht. Wir haben mündlich ausgemacht, dass ich Bilder von einem Auftrag auf meinem Blog veröffentlichen darf. Aber nicht schriftlich. Normalerweise ist so etwas kein Problem. Ich ziehe nette Partnerinnen und Partner in mein Leben.

Doch dieser Fotograf wollte mich auf hohe Summen Urheberrechtsverletzungen verklagen. Mein Mann stand immer hinter mir. Nicht ein einziges Mal hat Pierre mir vorgeworfen, dass ich die Nutzungsrechte nur mündlich festgehalten habe. Pierre hat an mich geglaubt. Die Richterin war fair. Für mich ist alles gut ausgegangen.

Family Wilde - England with dog

Trotzdem platzt manchmal etwas aus mir heraus. Zum Beispiel erzähle ich einen Abend beim Dinner, dass der Vater von einem anderen Kind mit 60 nicht mehr arbeiten braucht. Weil er sich komplett alleine um seine Finanzen gekümmert hat.

Weil er damit bereits in jungen Jahren angefangen hat. Weil er niemals einem Berater traut. Sondern nur sich selbst. Während ich das erzähle, wird Pierre am Essentisch immer kleiner. Ich wollte ihn nicht ärgern. Nur musste mein Frust mal raus. Denn ohne diesen Finanzberater wäre unser Konto schön gefüllt. Mit Rücklagen ist so etwas wie Frührente auch einfacher möglich. Und durch diesen Berater haben wir ja seit 30 Jahren lauter Geldverluste. Geld ist eben nicht „nur“ Geld. Geld kann auch mehr Lebenszeit und Freiheit bringen.

Elischeba Wilde beim Versicherungen sortieren

Fotograf: Jürgen Brochtrup

Doch es gibt auch Lichtblicke. „Der Karl (Name geändert) hat mich noch nie so herzlich begrüßt, wie heute,“ berichtet mir Pierre, nachdem er den Junior zum Schach gebracht hat. Der Karl (Name geändert) wurde auch vom Finanzberater um viel Geld betrogen. Bereits vor 20 Jahren.

Und weil Pierre den weiterempfohlen hat, war der Karl (Name geändert) zwei Jahrzehnte sauer auf ihn. Pierre hatte sich häufig gewundert, wieso dieser Karl (Name geändert) distanziert war. Jetzt weiß er den Grund. Karl (Name geändert) dachte, dass die zwei unter einer Decke stecken. Dabei war Pierre auch nur ein Opfer. Ein Opfer von sehr vielen Opfern.

Tage vergehen und immer wieder melden sich neue Betrogene. Neue Opfer. Die Sache nimmt immer krassere Ausmaße an. Pierre bekommt heute einen Anruf und ist danach absolut verzweifelt.

„Elischeba, du kannst dir nicht vorstellen, was der Tim (Name geändert) für ein herzensguter Mensch ist. So viel Herz wie er haben wenige Menschen. Mit ihm habe ich vor 30 Jahren Schachreisen nach Hastings unternommen. Und sogar er wurde von Michael (Name geändert) um sein gesamtes Erspartes gebracht. Dieser Mann hat wesentlich mehr verloren, als wir. Und er ist ein Rentner und kann sich nichts mehr aufbauen.“

Inzwischen häufen sich auch die Kommentare unter meinem Blogbeitrag, welcher den Betrug detailliert beschreibt. Hier habe ich meinen Beitrag vom Betrugstrauma verlinkt.
Elischeba und Pierre - Hochzeit in Las Vegas

Trotz allem Ärger müssen mein Mann und ich beim Durchlesen einmal herzhaft auflachen. Denn es erscheinen zwei Kommentare untereinander, die gegensätzlicher kaum sein könnten.

Yogini Martina schreibt, dass ich seiner Seele vergeben soll, damit meine Seele befreit wird. Darunter Feedback von einem Schachkumpel (und sehr gutem Freund): Möge Michael (Name geändert) in der Hölle schmoren und keinen Frieden finden.

Nun, ich kenne die Macht des Vergebens. Aber so weit bin ich noch nicht. Ja, ich bin eine rheinländische Frohnatur und ja, ich befasse mich mit positiven und heilenden Gedanken. Aber der Betrug war zu intensiv. Er ging zu lange. Er war zu geplant. Er war zu eiskalt kalkuliert. Er war zu dreist. Und ich bin eben auch nur ein Mensch.

Selbst mein Mann – einer der sanftmütigsten Menschen, die ich kenne, kann mich verstehen. Er würde diesem Michael (Name geändert) am liebsten eine reinhauen. Aber so richtig!

Elischeba und Pierre Wilde im Sandals White House auf Jamaika

Fotograf: Hotelfotograf – Location: Sandals Whitehouse (Jamaika)

Einmal erzähle ich meinem jüngsten Kind, dass ein Schachkumpel es kritisch sieht, dass wir mit ihr darüber reden. „Ach Mama. Papa und du, ihr habt nur noch dieses Thema. Ich würde es sowieso mitbekommen.“

Die ersten zwei Wochen nach dem Betrug ist Emily besonders mitfühlend mir gegenüber. Ich erkläre ihr, dass es nicht die Aufgabe eines Kindes ist, die Eltern zu trösten. Doch sie hat vehement geantwortet, dass sie uns beistehen möchte. Aus ganzem Herzen.

Leon spricht mich darauf an, dass ich manchmal einfach so ins Leere schaue. Ja. Es tut mir dann auch leid. Aber dann kommen mir Sätze von diesem Michael (Name geändert) in den Sinn. Dass er auch finanziell immer das Beste für uns möchte.

Oder wie er vor seinem Tod meinen Mann angerufen hat und meinte, dass wir uns keine Sorgen wegen der Geldanlage auf seinem Konto machen sollten. Denn dafür hätte er ja die Lebensversicherung abgeschlossen. Absolut dreist: Er wusste genau, dass diese gefälscht ist. Wie sein ganzes Leben. Alles war eine Lüge.

Hundeliebe - Bonnie auf dem Teppich

Jeden Tag erhalte ich aufgrund meines Blogbeitrages Nachrichten.

Eine Bekannte schreibt mir, dass bei ihr wegen eines Geldbetruges die Beziehung kaputt gegangen ist. Es waren allerdings 250.000 Euro. Anfangs wollte sie zu ihrem Mann halten, der ebenfalls etwas zu gutgläubig war. Aber es ging nicht. Trotz gutem Willen.

Einem Fotografen erzähle ich, dass ich – wenn ich im Gästebad stehe – oft darüber nachdenke, dass wir es mit unserem Geld renovieren wollten. Das geht nicht mehr. Weil uns das Geld geklaut wurde. Es ist so dringend nötig in unserem alten Haus, das wir auch noch viele Jahre weiter abzahlen müssen.

Elischeba Wilde - Blick aufs Meer von der MSC Euribia

Fotograf: Martin Helmers

Der Fotograf antwortet mir, dass er schon in vielen schicken Villen gewesen ist. Alles neu. Alles top gepflegt. Alles edel. Aber in diesen Villen hat es keine Liebe gegeben. „Euer Haus hat eine Seele. Man ist gerne bei euch.“ Diese Worte gehen runter wie Öl. Manchmal braucht man eben einen Perspektivenwechsel.

Mit Humor ist ebenfalls vieles leichter. „Wenn uns jetzt jemand treffen möchte, dann wegen uns. Geld gibt es nicht mehr. Unser Sparbuch ist bei Null. Wer jetzt vorbeikommt, der möchte uns und nicht unser Geld.“ Ich lache, während ich diese Gedanken mit meinem Mann kommuniziere. Trotzdem bleibt ein Grundschmerz bestehen.

Die Finanzfirma haben wir übrigens auch nochmal angeschrieben. Als Antwort kam unter anderem, dass wir ja von neun Prozent Zinsen profitiert haben. Was für ein Schwachsinn! Welch ein Schlag ins Gesicht. Wir haben diese angeblichen Zinsen auf dem Konto vom Schachkumpel „weiter arbeiten“ lassen. Zumindest dachten wir dies.

Elischeba mit Bonnie auf dem Teppich

Auf Facebook schreiben mir Finanzberater, dass sie von der guten Seite sind und mir Tipps geben können, wie wir unser Geld wirklich gut anbringen. Ich antworte, dass wir nichts mehr zum Anlegen haben. Und das ist nichtmal gelogen. Manchmal auch praktisch, wenn es nichts mehr zu holen gibt.

Einmal bin ich beim Junior im Kinderzimmer und schaue durchs Fenster. Auf die Krokusse im Garten. Jedes Jahr habe ich sie wachsen gesehen. Langsam. Mich daran erfreut. Jeden Frühling. Doch dieses Jahr habe ich das verpasst. Ich habe sie übersehen. Ich habe so vieles übersehen.

Doch nun stehe ich hier und schaue noch einmal ganz bewusst auf die Krokusse. Wie schön sie sind. Dieser Michael (Name geändert), der sieht sie nicht mehr. Aber wir sehen sie. Wir leben. Und wir haben uns. Wir haben die Liebe. Wir haben das Leben. Wir möchten das Leben weiterhin geniessen. Oder trotzdem genießen. Wir haben es uns verdient. Und blicken mit Zuversicht in die Zukunft.

Elischeba

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Vier Wochen nach dem Geldbetrug - wie geht es uns?
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Vier Wochen nach dem Geldbetrug - wie geht es uns?
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Heute vor vier Wochen haben wir erfahren, dass ein Schachkumpel meines Mannes 30 Jahre lang eine Freundschaft vorgespielt hat. Und uns um unser Geld gebracht hat.
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Elischeba | Reise-, Lifestyle- & Familien Blogazin by Elischeba Wilde
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4 Kommentare

  1. Avatar
    Kathrin Hoppe
    06/03/2024 / 21:48

    Selbst bei so einem Thema hat man Gänsehaut und am Schluss ein schönes Gefühl, du schreibst einfach so toll, liebe Elischeba. Was ihr erlebt habt, das ist schlimm. Aber ja, ihr habt EUCH! Das sagst du genau richtig.

    • Elischeba
      Elischeba
      Autor
      07/03/2024 / 14:15

      Genau, das ist das wichtigste im Leben! Wir haben uns.

      Danke für deine lieben Worte.

  2. Avatar
    Agnes
    08/03/2024 / 11:13

    Ich glaube, dass viele so etwas schonmal erlebt haben und sich nicht trauen, darüber zu reden. Du zeigst, wie vorsichtig man sein muss und spendest Trost, falls sich jemand Vorwürfe macht, wie er so „doof“ sein konnte.

    • Elischeba
      Elischeba
      Autor
      18/03/2024 / 12:19

      Hallo liebe Agnes,

      das passiert rasch, wenn man schnell vertraut. Das hat nichts mit mangelner Intelligenz zu tun. Sondern es liegt eher daran, wenn man gar nicht auf die Idee kommt, auf welche üblen Gedanken angebliche Freunde gelangen.

      Elischeba

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