Homeschooling – Gespräche mit Eltern und unsere Erfahrungen

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Homeschooling ist in aller Munde. Distanzunterricht, der in Corona-Zeiten Alltag wird: Wenn Kinder zu Hause – außerhalb der Schule – mit dem Material der Lehrer unterrichtet werden. Ich unterhalte mich mit verzweifelten Eltern und möchte ihren Sorgen auf meinem Blog eine Stimme geben. Auf meinem Blogazin schreibe ich auch von unseren Erfahrungen.

„Alle 11 Minuten trinkt ein Elternteil einen Schnaps. Sie homeschoolen jetzt.“

Als mir eine Bekannte dieses Zitat schickt, muss ich laut loslachen. Es ist schön, wenn man in Krisenzeiten seinen Humor bewahrt. Trotzdem ist einigen Eltern mehr zum Weinen zumute.

Bei meinen Gesprächen mit Eltern stelle ich rasch fest, wie unterschiedlich Homeschooling gehandhabt wird.

In einer Klasse wurde abgestimmt, ab wann die Lehrerin sich vier Stunden lang per Videokonferenz zu den Kids schaltet. Man hat sich auf 8 Uhr 45 geeinigt.

Zum Leidwesen eines Zwölfjährigen geht es bei ihm bereits um 8 Uhr los. Grundschuleltern berichten mir von Systemen, die kollabieren, Technik, die überfordert und jammernden Schülern, die keinen Bock auf „Erziehungsberechtigte als Ersatzlehrer“ haben.

Wenig Motivation bei Kindern, turbulente Gespräche, Freude über mehr Zeit mit den Kindern und Corona Blues – bei meinen Interviews sind sämtliche Varianten dabei.

Homeschooling - Erfahrungen der Eltern

Zuerst unterhalte ich mich mit dem Vater einer 15-jährigen Tochter einer Realschule.

Er wünscht sich – online über IServ – richtigen Unterricht für neue Lerninhalte. An seiner Schule wird lediglich das Material verteilt – von den meisten Lehrern ist nichts mehr zu hören. Doch seine Tochter – die zahlreiche Rückfragen hat – hinkt bereits dem Lernstoff des ersten Lockdowns hinterher. Der engagierte Vater macht sich ernsthaft Sorgen darum, wie es nach der Schule beruflich für seine Tochter weitergeht.

Dann chatte ich mit einer dreifachen Mutter aus Österreich.

Sie berichtet mir, dass ihre Schule mit Microsoft Teams arbeitet. Laut ihren Freundinnen aus Deutschland ärgern sich Anwender von Moodle und IServ regelmäßig über Systemabstürze.

Genau wie ich, hat sie für ihre jüngste Tochter am Anfang der Woche einen Stapel Arbeitsblätter in der Schule kontaktlos abgeholt. Gegen Ende der Woche gibt sie die bearbeiteten Unterlagen wieder an der Schule ab. Sie freut sich sehr darüber, dass die Lehrer an ihrer Schule engagiert und bei Fragen erreichbar sind. Dass sie als Mama Hilfe leisten muss, sieht sie positiv. „Stell dir vor, Elischeba, ich bin im Bruchrechnen wieder topfit.“

Schule Alltag Interview

Bei uns ist der Distanzunterricht flexibel möglich. Unser Junior genießt es, auszuschlafen und ausgiebig zu frühstücken.

Ich finde es gut, dass unsere Klassenlehrerin die Arbeitsblätter tageweise aufteilt. Wir versuchen, die jeweiligen Aufgaben bis zum Abend zu erledigen. Allerdings finden wir es schwer, strukturiert vorzugehen. Wir müssen Leon manchmal (oft) antreiben und haben die Infos der Dateien auf dem Computer anfangs nicht sofort verstanden. Unsere Fünfjährige vermisst den Kindergarten und fühlt sich einsam, wenn der große Bruder zu lange Hausaufgaben macht.

Ich finde es anstrengend, ständig Druck bei meinen Kindern zu machen. Vor allem, wenn sie toll im Spiel vertieft sind und ich wegen den Aufgaben „stören“ muss.

Viele Familien haben ein Schreiben erhalten, dass Eltern dafür sorgen müssen, dass Kinder ihre Aufgaben komplett erledigen. Es wurde hinzugefügt, dass es keine Ferien sind und der Distanzunterricht genauso Pflicht ist, wie der Präsenzunterricht.

Zusätzlich hatten wir anfangs Probleme mit dem Server – einige Eltern konnten die Dateien nicht öffnen. Praktisch ist, dass die meisten – wie wir auch – eine WhatsApp-Gruppe der Klasse haben, in der sich Familien gegenseitig helfen.

neunte Klasse Realschule - Bücher und Hefte

Für meinen Artikel spreche ich mit weiteren Familien und stelle fest, dass die Kombination „Homeoffice und Homeschooling“ viele Eltern überfordert.

Das Problem einiger Mütter: Sie fühlen sich im Home-Office und bei den Kindern nur halb anwesend, da sie meist dazwischen hängen.

Die Arbeitstage von meinem Mann Pierre gehen bis circa 18 Uhr. Emily und Leon sehen ihn zuhause, müssen aber mit Fragen warten, bis er fertig ist. Dafür brauchen sie Geduld.

Mir berichten Mütter, dass sie häufig das Gefühl haben, dass die Arbeit ihrer Männer wichtiger erscheint. Da sie meistens die Hauptverdiener in der Familie sind und noch mehr Anrecht auf Ruhe fordern. Bei Frauen wird es als selbstverständlich angesehen, zu jonglieren.

Mamas To-do-Liste endet nicht – selbst um 21 Uhr warten häufig noch Wäscheberge und eine Spülmaschine, die ausgeräumt werden muss. Business und Privatleben wird vermischt – abschalten fällt schwer.

Elischeba Wilde - multitasking

Fotograf: André Plath – Visagistin: Zahra Abrizeh

Doch auch Väter berichten mir von den Hürden des Homeschoolings.

Wenn sie in Telefonkonferenzen vertieft sind und die Kinder plötzlich wissen wollen, was der Unterschied zwischen Präsens und Perfekt ist.

Mich stresst es, wenn ich meine Arbeit am Computer andauernd unterbrechen muss, weil ich dann weniger produktiv bin. Danach muss ich mich neu reindenken und von vorne anfangen.

Silke berichtet davon, dass sie sich schuldig fühlt, da sie ihre Kinder ständig vertröstet. Abends ist sie dann zu müde, um Vokabeln abzufragen und den Dreisatz zu erklären.

Simone gesteht: „Ich bin in Teilzeit im Einzelhandel in einer beratenden Stellung im Bereich Möbel tätig. Diese Arbeit macht mir viel Spaß. Zu Hause mit drei Kindern bin ich aktuell gleichzeitig überfordert und unterfordert. Das ist eine Kombination, die mir aktuell sehr auf die Stimmung schlägt.“

Lockdown - Auswirkungen auf Mütter

Mir fällt auf, dass eine Gruppe häufig vergessen wird. Mütter, die nicht berufstätig sind und „trotzdem“ an ihre Grenzen kommen.

Sabrina berichtet mir, dass sie sich aktuell in Elternzeit befindet. Finanzielle Sorgen hat sie nicht. Doch gibt es zu Hause eine 11-jährige Tochter, die aufs Gymnasium gewechselt hat.

Ein Siebenjähriger, der völlig unausgelastet ist und ein vier Monate junges Baby. Gefühlt sei sie jetzt schon ein Jahr mit den Kindern zu Hause. Das letzte Mal länger als zehn Minuten mit einem Erwachsenen gesprochen?

„Das war mit meinem Mann. Aber selbst mit ihm kann ich kaum sprechen, denn er macht fast ununterbrochen Überstunden. Ich weiß nicht, was schlimmer ist.

Ich würde einiges tun, um arbeiten zu gehen und meine Kinder mal länger als drei Stunden nicht an mir kleben zu haben. Das geht sonst nur, wenn der Papa mal am Sonntag mit ihnen vor die Tür geht.“

Als ich auf Facebook nach Erfahrungen für meinen Artikel frage, schreibt mir Alicja folgendes:

„Wir leben in den USA, bei uns sind die Schulen seit circa März/April letzten Jahres schon zu. Und ich hab mir schon zu Beginn des neuen Schuljahres gedacht, dass das so schnell auch nicht rum sein wird, also hab ich die Kinder aus dem normalen Schulsystem genommen und mich gegen das Fernlernen und für echtes Homeschooling entschieden. Und es war die beste Entscheidung ever, es macht wahnsinnigen Spaß, wir sind viel freier in unserer Unterrichtsgestaltung und auch in unserem Tagesablauf. Gleichzeitig können wir den Fokus auf Dinge legen, die sonst an der normalen Schule gar nicht besprochen würden. Wir haben wahnsinnig viel Spaß und ich kann mir vorstellen, auch weiterhin Homeschooling zu machen, falls die Kinder das auch wollen.“

Dann ergänzt sie folgendes:

„Kontakte und so weiter, auch Klassendynamik und Gruppenarbeiten, sind ja an und für sich beim Homeschooling kein Problem. Normalerweise gibt es diverse Lerngruppen, oftmals schließen sich Homeschool Eltern zusammen und lassen die Kinder zusammen lernen. Das ist ein Aspekt, der aktuell halt leider wegen Corona wegfällt, aber ansonsten kein Problem. Und man darf halt auch nicht vergessen, dass Homeschooling und das, was an Schulen gerade passiert, Fernlernen oder Distance Learning oder wie auch immer es genannt wird, eben nochmal was ganz anderes ist, als eben Homeschooling.

Hier ist die Entscheidung letztlich auch als Retter in der Not gekommen. Der Große hat schon seit Jahren Probleme mit Schreiben und Lesen, hat aber in den letzten Monaten so gut aufgeholt, dass er mittlerweile nicht mehr nachhängt, sondern im Stoff sogar voraus ist. Mini ist in Mathe zum Beispiel fast durch den Stoff der ersten Klasse durch. Aber wie gesagt, Homeschooling und Fernlernen sind eben nochmal grundverschiedene Dinge. Das Fernlernen war hier für uns auch eher mühsam und wenig spannend, muss ich ehrlich zugeben.“

Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche

Zurück zu meinen Kontakten aus Deutschland. Das Problem für viele Eltern ist der Balanceakt, der schwer zu schaffen ist.

Kathrin berichtet mir, dass sie sich mehr Hilfe vom Staat wünscht. Der Grund:

„Nicht jeder kann im Home-Office arbeiten.“

Sie fügt hinzu, dass sie kürzlich erst die 80 Minusstunden vom ersten Lockdown abgearbeitet hat.

Eine andere Mutter erzählt mir von einem Problem, das ebenfalls häufig übersehen wird:

„Wir haben eine kleine Dreizimmerwohnung ohne Bereich zum Zurückziehen. Wie soll ich vom Essentisch, an dem mein Sohn Schulaufgaben macht, telefonisch Kundenfragen beantworten? Ohne, dass mein Kind dazwischen quatscht?“

Wer räumlich eng aufeinander hockt, geht sich auch rascher auf die Nerven.

Kinder brauchen Ruhe und Platz für ihre Hausaufgaben – Eltern müssen hochkonzentriert arbeiten. Das ist schwer, wenn der Neunjährige Hilfe bei Mathematik braucht und die Dreijährige Feuerwehralarm spielt.
Feuerwehrauto Peppa Pig

Eltern müssen mental, emotional und körperlich einiges schaffen. Einige leiden zusätzlich unter Existenzängsten oder machen sich Sorgen, weil sie nicht wissen, wann der Lockdown vorbei sein wird.

Tanja leidet darunter, dass sie als Aushilfe, die aktuell nicht im Friseursalon arbeiten kann, kein Kurzarbeitergeld bekommt. Das heißt, dass sie gar kein Einkommen hat.

Das macht sie traurig. Ihre Arbeit mit drei Schulkindern, denen sie bei Sachkunde, Religion und Deutsch helfen muss, erscheint ihr nicht gewürdigt zu werden.

Das erzählt mir auch Karin: „Eltern können nur eine bedingte Zeit Eltern, Spielfreunde und Lehrer sein und gleichzeitig Vollzeit arbeiten. Gerade wenn du mehr als ein Schulkind hast, wird das schwer.“

Die gesamte Lage führt dazu, dass sich einige Menschen gegenseitig angiften und beleidigend werden, nur weil der andere eine andere Meinung vertritt. Unsere Kinder haben häufig eine Antenne für schlechte Stimmungen.

Hier habe ich euch davon geschrieben, wie die Corona-Krise Freundschaften belastet.

Es hilft, wenn Familien sich gegenseitig helfen, aufbauen und unterstützen. Denn wir sitzen alle im gleichen Boot. Auch wenn die eine Mama eher auf einem Kreuzfahrtschiff sitzt und die nächste im kleinen Ruderboot.

Wenn eure Kinder mit dem Lernstoff zurückliegen, bekommen Lehrer das nach dem Lockdown sicher wieder hin. Seelische Schäden aufgrund von Sorgen, Streit und Ärger können sie dagegen weniger leicht ausgleichen. Unsere Hauptaufgabe als Eltern ist es also, möglichst unbeschadet durch die Zeit zu kommen. Wir können keine Lehrer ersetzen.

Familie Wilde - Familienfoto indoor

Wie geht ihr mit dem Homeschooling um? Wie empfinden es eure Kinder? Was könnte besser sein und wo wünscht ihr euch mehr Hilfe?

Eure Elischeba

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Homeschooling - Gespräche mit Eltern und unsere Erfahrungen
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Distanzunterricht in Corona-Zeiten: Wenn Kinder zu Hause - außerhalb der Schule - von den Eltern - mit dem Material der Lehrer unterrichtet werden.
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Elischeba | Reise-, Lifestyle- & Familien Blogazin by Elischeba Wilde
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10 Kommentare

  1. Avatar
    Tanja
    13/01/2021 / 18:06

    Du hast da wirklich wichtige Punkte angesprochen, auch mit der räumlichen Begrenzung in vielen Haushalten, Danke dafür!

    • Elischeba
      Elischeba
      Autor
      13/01/2021 / 18:17

      Dankeschön. Bei uns ist es halb so wild, aber ich wollte querbeet Erfahrungen von Eltern hören und ihnen eine Stimme geben.

  2. Avatar
    Jasmin
    13/01/2021 / 18:28

    Ausschlafen darf unser Sohn nicht. Trotzdem toller Artikel! 🙂

    • Elischeba
      Elischeba
      Autor
      13/01/2021 / 23:01

      Ja meiner ist ganz schön verwöhnt (lach). Danke!

  3. Avatar
    Bettina B.
    15/01/2021 / 17:55

    Uns geht es ähnlich wie dem Vater der 15-jährigen Tochter in einer Realschule – was du oben schreibst. Wir sind darüber sehr sauer. Die Freundin meiner Tochter ist auf einer anderen Schule und dort schaltet sich die Lehrerin dazu und beantwortet Fragen oder telefoniert länger mit Kindern, um den Stoff zu erklären. Wir würden gern helfen, aber wir können bestimmte Sachen einfach nicht richtig erklären – außerdem sind mein Mann und ich beide Vollzeit am arbeiten.

    • Elischeba
      Elischeba
      Autor
      16/01/2021 / 16:06

      Das ist ja schade, liebe Bettina. Habt ihr versucht, mit der Lehrerin darüber zu reden?

      Liebe Grüße von Elischeba

  4. Avatar
    Gabi
    16/01/2021 / 22:22

    Wenn das mit dem Homeschooling so weiter geht, kann man mich bald in die Psychatrie einliefern.

    • Elischeba
      Elischeba
      Autor
      23/01/2021 / 12:38

      Oh Weia, das hat mir auch kürzlich eine Mutter gesagt. Hast du schon meinen neusten Artikel mit Tipps gefunden, um „nicht durchzudrehen“?

      Alles Gute und viel Kraft.

      Liebe Grüße von Elischeba

  5. Reinhard
    Reinhard
    17/01/2021 / 0:02

    Hallo Elischeba,
    das ist ein sehr interessanter Artikel zu einem „spannenden“ Thema! Danke dafür.

    Wenn ich all die Fall-Beispiele und Kommentare hier lese, frag ich mich, was schlimmer ist:

    A. Die potentiell tödliche Erkrankung Covid-19 mit ihren unüberschaubaren möglichen Nebenwirkungen und Langzeitfolgen (wie Lungenschädigung, Nierenversagen, chronische Müdigkeit, chronische Atemnot, Herzschwäche und dauerhafter Geschmacksverlust) … und das nicht nur bei Leuten über 60 …

    oder

    B. einige Wochen oder Monate einen harten Lockdown mit Homeschooling / Digitalunterricht – konsequenter Kontaktreduzierung, Abstand halten, Maske tragen und eingeschränkter Mobilität mit all den daraus resultierenden sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen.

    Also für mich ist ganz klar: Das ist eine einfache Risikoabschätzung, die jeder für sich machen muss.

    Ich für meinen Teil hab meine Entscheidung getroffen und mich in freiwillige Quarantäne begeben. … wenn es sein muss, bis Ostern oder Pfingsten oder auch darüber hinaus.

    Dem SARS-CoV-2 Virus gehe ich konsequent aus dem Weg, weil ich diese Sch…Krankheit einfach nicht bekommen will / werde.

    • Elischeba
      Elischeba
      Autor
      23/01/2021 / 12:38

      Hallo Reinhard,

      das ist toll, dass du viel dafür tust, um weiterhin gesund zu bleiben.

      Nebenbei kann auch ein gutes Immunsystem vor schweren Verläufen schützen.

      Ein schönes Wochenende von Elischeba

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